Alben & Lieder

Die Chinesen

1972, Text/Musik: Georg Kreisler

Man nennt mich: Herr Direktor.
Und früher hab ich glaubt:
Bin ich einmal Direktor, das wär z’viel.
Jetzt bin ich ein Direktor.
Jetzt bin ich überhaupt
ein Mann, der alles hat, was jeder will.
I hab a große Firma,
a Freundin und a Frau.
Drei Autos und a Flugzeug hab ich auch.
Hab Luxus, hab Beziehungen,
und doch weiß ich genau,
daß ich das ganze G’lumpe gar net brauch.
Am liebsten wär ich überhaupt kein Wiener.
Am liebsten wär ich irgendwo in China!

Ja, die Chinesen,
diese Chinesen,
warum bin ich nicht ein Chinesensohn gewesen?
Sie können net lesen,
sie können net schreiben,
aber das schad‘ ja nix, dann lassen sie’s halt bleiben.
Oh, die Chinesen,
diese Chinesen
hab’n keine Steuern, kein Konkurs und keine Spesen,
kennen ka Defizit, ka Teuerung, ka Rentabilität.
Wenn ich Chines wär –
aber jetzt ist’s schon zu spät.

Mein Vater war a Hausherr und a Seidenfabrikant.
Zu blöd: Er war nicht auch ein Mandarin.
Dann müßt ich nicht im Sommer nach Katholika auf’s Land,
und heute abend nicht in Lohengrin.

Zwar die Japaner,
die Amerikaner,
die machen’s ganz genauso falsch wie unsereiner.
aber in China, dort warn’s g’scheit:
Tsching, tschung, tschang,
tsching, tschung, tschang.
Herr Ober: Zwei Fu-Jang!

Bei uns macht man sich Sorgen. Man spart und plant voraus.
In China wird es morgen sein wie heute.
Bei uns baut man die U-Bahn und jeder baut a Haus –
in China baun die Leute auf die Leute.

Bei uns hat man Fabriken mit Lärm und G’stank und Ruß,
und jeder dritte hat’n Infarkt schon übertaucht.
In China baut man Reis an und alle gehen zu Fuß,
und jeder hat halt nix, nur, was er braucht.

Ich hab fünfhundert Arbeiter, und alle frißt der Neid;
beim Essen zähl ich jede Kalorie.
Ich kenn die ganzen Schliche, ich kenn so viele Leut‘,
und weiß genau: Ka einziger kennt mi...

Ja, die Chinesen,
diese Chinesen
sind halt die einzigen vernunftbegabten Wesen.
Sie hab’n keine Geisha-Masseusen und auch keinerlei Mode,
aber dafür auch ka Karriere bis zum Tode.

Bei die Chinesen,
hab ich gelesen,
sind nicht die Oberen von vornherein die Bösen.
Denn was man bei uns erreichen kann, erreicht man dort nie,
drum sind wir mächtiger – nur glücklicher sind sie.

Bei uns ist heut der Kreisky
und dort der Mao Tse Tung:
Da wie dort ein fraglicher Versuch.
Der Kreisky ist im Fernsehen, der Mao ist im Funk,
und jeder hat sein kleines rotes Buch.

Ja, die Chinesen,
die imponiern mir.
Wir hab’n zwar Autos, doch ich frag: Wohin kutschiern wir?
Wenn ich das laut frag, schrein die Leut‘:
Kommunist, pfui, pfui, pfui...
Herr Ober: Zwei Tschop sui.